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Alids Traum

Florian Russi 

Zwölf fantasievolle und einfallsreiche Einhornmärchen erzählen von der Schwierigkeit des Miteinanders auf Erden seit Anbeginn der Zeiten bis heute.

ISBN: 978-3-937601-89-2

Preis: 17,20 € 

Der Teufelstritt im Münchner Dom

Der Teufelstritt im Münchner Dom

Sabrina Ingerl

Die Frauenkirche ist das Wahrzeichen der Stadt München, jedermann bekannt und für Touristen ein Muss. Das ist wohl nichts Neues. Doch wer dem 1494 erbauten Dom mal einen Besuch abgestattet hat, hat vielleicht im Eingangsbereich unter dem Chor einen in Stein gehauenen Fußabdruck bemerkt, den er sich nicht erklären konnte. Das Seltsame daran, dieser an sich menschliche Fuß hat an der Ferse noch einen Sporn. Na, schon eine Vermutung wer dahinter stecken könnte? Richtig! Kein Geringerer als der Fürst der Finsternis soll der Verursacher sein. Darüber ist man sich einig. Doch wie es sich nun genau zugetragen hat, da scheiden sich die Geister. Eine Version jedoch lautet folgendermaßen.

Als der Teufel von der Planung zur Errichtung einer Kathedrale erfuhr, war dieser darüber natürlich alles andere als erfreut, ja er soll sogar vor Wut getobt haben. „Wie kann das sein, schon wieder eine Kirche! Ich mühe mich Tag für Tag ab, um den sündigen Menschen auf der Erde ihr Seelenheil zu verderben und jetzt seh‘ ich sie wieder alle brav in die Kirche marschieren und meine ganze Arbeit war umsonst. Doch so leicht gebe ich mich nicht geschlagen, und mir will auch schon was einfallen." Also ging der Höllenfürst zum Baumeister Jörg Ganghofer und legte ihm seinen Plan dar. „Na, Ganghofer ich hab gehört, du willst hier eine Kirche errichten. Solch ein Dombau soll nicht ganz einfach sein. Was würdest du daher von einem Helfer halten, der stärker und kräftiger ist als alle Menschen? Genau, ich meine mich, den Teufel persönlich!" Da war der Meister aber verblüfft. „Wie kann es sein, dass mir der Teufel freiwillig seine Hilfe anbietet, da muss es doch einen Haken geben." Misstrauisch schaute er seinem Gegenüber in die höllisch roten Augen und fragte. „Der Teufel, so hilfsbereit? Da ist doch etwas faul!" Natürlich war es das auch und Beelzebub redete auch nicht lange um den heißen Brei herum. „Wenn ich dir bei deinem Vorhaben helfe, musst du mir versprechen dafür keine Fenster in deine Kirche einzubauen. Verstößt du gegen die Vorschriften, gehört mir dein Seelenheil" Der Plan des Teufels war wirklich teuflisch, denn er konnte nur gewinnen. Entweder der Meister hält sich an sein Versprechen und die Kirche würde gähnend leer bleiben - denn nicht mal die Menschen sind so dumm, eine Kirche ohne Fenster zu besuchen - oder sein Seelenheil ist ihm sicher. Zunächst war Ganghofer entsetzt: „Eine Kirche ohne Fenster, das kann nicht gut gehen." Doch dann hatte er eine Idee und schlug ein. Es wurde sogleich mit dem Kirchenbau begonnen. Der Teufel arbeitete fleißig mit und erfreute sich an der Vorstellung einer völlig dunklen Kirche, in die sich kein Mensch verirren würde. Und nur leere Kirchen, sind gute Kirchen. So bauten sie Woche für Woche, Jahr für Jahr, bis eines schönen Tages die Kirche fertig und geweiht war. Doch als nun der Teufel verdutzt festellen musste, dass mehr und mehr Leute in die Kirche strömten und in keinster Weise abgeschreckt wirkten, da wurde er wild und rannte zum Baumeister. „Du hast dich ja wohl offensichtlich nicht an die Abmachung gehalten. Eine Kirche ohne Fenster würde sich niemals solcher Beliebtheit erfreuen. Also gib mir deine Seele!" Doch der Meister lächelte den Teufel freundlich an und meinte: „Ich hab mich an die Abmachung gehalten, wenn du mir nicht glaubst, überzeug dich selbst davon." Das wollte der Teufel auch tun. Das Problem war nur, dass er die Kirche nicht mehr vollständig betreten konnte, da sie ja bereits geweiht war, daher positionierte er sich an den Eingangsbereich und spähte hinein, in Erwartung haufenweise Fenster zu erblicken. Doch er konnte sich recken, strecken und verbiegen so viel er wollte, es war kein einziges Fenster zu sehen. Da geriet der Teufel so sehr in Rage über seinen missglückten Plan, dass er aus Wut so fest aufstampfte, dass sein Fußabdruck bis heute zu sehen ist.

Doch natürlich weiß ein jeder, dass die Frauenkirche sehr wohl Fenster besitzt. Der Trick ist einfach, dass man die seitlichen Fenster aus der Position des Teufels nicht sehen kann. Diese werden erst sichtbar, wenn man die Kirche betritt. Auch das Fenster am Ende des Kirchenschiffs war zu der Zeit, als die Legende entstand, von den weit aufragenden Aufbauten des Hochaltars mit dem Maria-Himmelfahrt-Bild verdeckt. Noch heute empfinden die Menschen Schadenfreude, wenn sie die Geschichte hören, wie der Baumeister Ganghofer es geschafft hat, den Teufel zu überlisten. Tja, lieber Teufel, ein wahrhaft schlechter Handel! 

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Bild: Teufelstritt, Oiver Raupach