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Kennst du Rainer Maria Rilke?
2005, 108 Seiten, ab 15 JahreHorst Nalewski

Der junge Rilke wächst in Prag auf undentwächst den bürgerlichen Vorstellungen seiner familiären Umgebung. Auf der stetigen Suche nach sich selbst, findet er Halt im Schreiben und schreibt viel. "Der schwere Weg zum großen Dichter" ist hier verständlich und interessant dargestellt. 

ISBN 978-3-937601-25-0
Preis 12,80 €

Rilke in München

Rilke in München

Ulrike Unger

Eine Lebensstation, die Rainer Maria Rilke stark prägt, ist die damals schon kulturell hoch aktive bayrische Metropole mit ihren Caféhäusern, Theatern und Kabaretts. Hier lernt der Dichter die Intellektuelle Lou Andreas-Salomé kennen, der er einige seiner schönsten Liebesgedichte widmet. Eine tief verwurzelte Freundschaft entspinnt sich zwischen ihm und ihr, die bis zu Rilkes Tod fortwähren sollte.
Simplicissimus 1896
Simplicissimus 1896
Im Wintersemester 1896 schreibt sich der junge Mann an der Münchner Universität ein, er belegt hier Philosophie, hört Veranstaltungen zur Ästhetik und lebt in dieser Zeit in ruhiger Erdgeschosslage in einer geräumigen Zweizimmerwohnung, die er durch Zuwendungen seines Vaters finanzieren kann. Schon damals muss Rilke die um sich greifenden Bewegungen in der Literatur gespürt haben. München ist ein bekannter Umschlagplatz neuer künstlerischer Impulse. In jener Stadt, wie auch in anderen Großstädten, bündeln sich in diesem ausgehenden Jahrhundert die letzten Ausläufer des Realismus und die noch neuen literarischen Strömungen des Naturalismus und Symbolismus.

Rilke trifft sich zunächst häufiger mit einem befreundeten Studenten, dem Berliner Wilhelm von Scholz, den er im Philosophie-Seminar kennengelernt hatte. Beide verbindet eine Affinität zur Lyrik, so besprechen sie ihre eigenen Texte gegenseitig, tauschen sich aus und rezensieren jeweils die Arbeiten des anderen in Zeitschriften. Rainer Maria Rilke hat neben von Scholz bald auch Kontakte zu anderen Schriftstellern, die aber übersichtlich bleiben. Er emanzipiert sich zwar zunehmend von Provinzzeitschriften, jedoch ist nicht überliefert, dass sich der Dichter in den um 1900 berühmten Schwabinger Künstler-Treffpunkten, dem „Simpl" und dem „Café Größenwahn" aufhält. Rilke veröffentlicht nun im „Simplicissimus" oder dem „Literarischen Echo", pflegt Kontakte zu Richard Dehmel, Detlev von Liliencron und zur ein unstetes, rebellisches Leben führenden Franziska zu Reventlow, von der er immer wieder mit Neuigkeiten aus dem Schwabinger Künstlermilieu versorgt wird. Rilke selber ist der Gesellschaft gegenüber wenig aufsässig, er lehnt sich lieber gegen die Heimatstadt Prag und das eigene familiäre Umfeld auf. Der Konflikt Rilkes mit seiner Mutter scheint in einigen seiner Werke deutlich durch und ist biografisch belegbar.
Die unangenehme Süßlichkeit und Banalität sehr früher Rilke-Lyrik löst sich spätestens nach der Begegnung des Dichters mit der Persönlichkeit einer Lou Andreas-Salomé auf. Er trifft die damals 36-jährige, in St. Petersburg aufgewachsene Generalstochter Luise, genannt Lou, im Mai 1897 erstmals bei einem Tee in der Wohnung Jakob Wassermanns. Den Autor kennt er aus dem „Café Luitpold" und den Mittagstischen der Pension in der Blütenstraße, die er nach einer Italienreise bezogen hat. Durch Wassermann wird er an den dänischen Literaten Jens Peter Jacobsen herangeführt, dessen Werk Rilke sehr für sich einnimmt. Besonders der Roman „Nils Lyhne" wird lange sein ständiger Begleiter und bereichert seinen literarischen Blick und sein schriftstellerisches Können.

Als Rilke Lou zu umwerben beginnt, besitzt er noch einen recht jungenhaft-unschuldigen wie ungestümen Charme, der der sexuell erfahrenen und lebensklugen Frau zu gefallen scheint. Dass Lou verheiratet war, sollte dabei nur ein geringes Hindernis darstellen. Bei den ersten Zusammenkünften liest er ihr aus seinen Christus-Visionen vor. Der Schriftwechsel, der sich zwischen dem zukünftigen Paar entwickelt, eröffnet Einblicke in Liebesbriefe, die mit zu den schönsten in der Literatur gehören. Rilkes Worte sind hier von einer wunderbaren schriftstellerischen Virtuosität gekennzeichnet. Unter Lous Einfluss nimmt der als René getaufte Rilke den Vornamen Rainer an, der ihm laut Lou als Dichter besser stünde. Lou Andreas-Salomé ist es auch, die ihn in die Philosophie Nietzsches einführt und ihn intensiv mit der russischen Kultur bekannt macht. Es ist anzunehmen, dass sich Rilke gerade durch die St. Petersburgerin zu einer ungemeinen Russland-Euphorie aufschwingen konnte, die sich literarisch vor allem in den Stundenbuch-Zyklen widerspiegelt. Bald unternimmt Rilke mit Lou ausgedehnte Reisen in das Zarenreich, ist von der Ikonenmalerei, der von vielen Europäern als bodenständig und ursprünglich verklärten Religiosität des russischen Volkes, der Ruhe und Abgeschiedenheit in der Natur massiv beeindruckt. 

Die Liebschaft mit Lou ist nach drei Jahren beendet. Dennoch bleibt die äußerst belesene und charakterstarke Frau immer einer der wichtigsten Fixpunkte in Rainer Maria Rilkes Leben. Auch wenn es simpel klingt, emotionale Verbundenheit, das Glück menschlicher Geborgenheit bei einer älteren Frau zu finden, verleiht ihm seelische Balance. Für Rilke bedeutet dies auch eine tiefenpsychologische Erfüllung der verweigerten Mutterliebe. Er erfährt die Begegnung mit Lou als Geschenk, die ihm Gleichgewicht in seinem unsteten Dasein gibt. Der Dichter reift. Poetisch vor allem und charakterlich. Nur so lässt sich die Kraft, die Rilke aus dieser großen Freundschaft schöpft, erklären. Den letzten Brief an Lou schreibt er zwei Wochen bevor er, schwer an Leukämie erkrankt, stirbt.

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Quelle: Wolfgang Leppmann: Rilke. Leben & Werk. Wiesbaden: VMA-Verlag 1981, 1996.