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Unser Leseangebot

Kennst du Erich Kästner?
Astrid Koopmann/ Bernhard Meier

Ist das dort nicht Kästner, Erich Kästner? Ich habe gehört, er war gerade auf
großer Reise - Dresden, Leipzig, Berlin, München oder so. Soll ich dich mit ihm
bekannt machen? Kästner mal ganz privat! Er hat immer eine Menge spannender
Geschichten auf Lager.   

ISBN 978-3-937601-68-6
Preis 12,80 €

Ich wollte die große Freiheit und bekam nur die kleine. (Auszug aus "Kennst du Erich Kästner?")

Astrid Koopmann
Bernhard Meier

Willkommen und Abschied in München (1945 -1974)

Mit meiner Lebensbegleiterin Luiselotte Enderle erlebte ich das Ende des grauenvollen Zweiten Weltkriegs in Mayrhofen, Tirol. Es war eine Erlösung für uns alle.

1945 kamen wir mit den größten Erwartungen nach München. Meine Eckdaten sind rasch ausgemacht: ich leite das Feuilleton der Neuen Zeitung, gebe die Jugendzeitschrift Pinguin heraus, arbeite für das Kabarett (besonders für „Die Schaubude"), bin mit Jella Lepman maßgeblich an der Gründung der Internationalen Jugendbibliothek in München beteiligt, klinke mich schließlich aus fremdbestimmter Arbeit aus und lebe seit 1948 als freier Schriftsteller.
Von 1951 bis 1962 leite ich in der Bundesrepublik den Schriftstellerverband, das so genannte PEN-Zentrum.

1951 stirbt mein geliebtes Muttchen in Dresden, 1957 der Vater. Ebenfalls 1957 wird mein Sohn Thomas geboren - Mutter von Thomas ist nicht meine Partnerin Luiselotte Enderle, sondern die Schauspielerin Friedhilde Siebert. Meinem Freund Edmund Nick, dem Komponisten, gestand ich es: Mit Friedel Siebert „ habe ich die Frau kennengelernt, die ich wirklich liebe, aber ich kann mich von der Enderle nicht trennen, denn sie hat gesagt, sie stürzt sich aus dem Fenster."(Hanuschek 2004, S.119) Weißt du: wir konnten nicht miteinander - aber auch nicht ohneeinander.

Und 1957 habe ich auch die „Erinnerung an meine Kindheit" mit dem Buch „Als ich ein kleiner Junge war" veröffentlicht. (...) 

Natürlich war es für mich schwer, dass mein Sohn Thomas nicht bei mir, sondern bei seiner Mutter lebte. Aber du kannst dir vorstellen, dass ich so oft wie es nur möglich war, mit ihm Kontakt pflegte. Von 1964 bis 1969 war das regelmäßig der Fall. Aber dann brach die Beziehung zu Friedel Siebert, der Mutter von Thomas, ab und damit wurden auch die Treffen mit Thomas immer weniger. Schade! Übrigens:  1963 hatte ich mein Buch „Der kleine Mann" eigens für Thomas geschrieben. Ich engagierte mich für Frieden und Gerechtigkeit. Und ich kämpfte gegen den Atomtod.
Fast hätte ich es vergessen: ich schrieb und schrieb. Texte für die Zeitung, das Kabarett, das Theater, Drehbücher, Kinderbücher...
Natürlich konnten nach 1945 meine Werke, die die Nazis verboten hatten, wieder erscheinen. Alle. Für Kinder. Für Erwachsene. Ich konnte wieder frei durchatmen.
Es begann zunächst in der „Stunde Null" mit der Neuen Zeitung - und vor allem mit Kabarett. Die „Schaubude" eröffneten wir am Freitag, 12.April 1946, mit dem Programm „Bilderbogen für Erwachsene". Besonders das „Marschlied 1945" wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. (...)

Marschlied 1945
Text: Erich Kästner; Musik: Edmund Nick

"(...) Ich trag Schuhe ohne Sohlen,
und der Rucksack ist mein Schrank.
Meine Möbel hab'n die Polen
und mein Geld die Dresdner Bank.
Ohne Heimat und Verwandte,
und die Stifel ohne Glanz -
ja, das wär nun der bekannte
Untergang des Abendlands! (...)

Links, zwei, drei, vier ,
links, zwei, drei -
Vorwärts marsch, von der Memel bis zur Pfalz!
Links, zwei, drei, vier, (...)
Denn wir haben ja den Kopf
noch fest auf dem Hals!"
(Zitat Erich Kästner: Marschlied)

Wir wollten die Welt von Grund auf verändern. Und wir haben rasch erfahren müssen, dass es nur zur „kleinen Freiheit" reichen wird...

Ich sagte dir ja schon: ich baue auf die Kinder. Wenn man sieht, was die Erwachsenen bis 1945 angerichtet haben, da konnte man keinen großen Optimismus mehr entwickeln. Wenn es also besser werden sollte, dann geht dies nur mit den Kindern. Als Erwachsene leiten sie morgen die Geschicke dieser Welt.
Im Roman „Die Konferenz der Tiere" wollte ich die Erwachsenen aufrütteln: Ändert grundlegend euer Verhalten, damit endlich Frieden einkehren kann! Doch du weißt ja selbst, wie friedlos unsere Welt immer noch ist!
Schon vor der Gründung der Internationalen Jugendbibliothek in München (1949) fand am 03. Juli 1946 die Internationale Jugendbuchausstellung in München statt. (...)

Unsere Idee war ganz einfach: Kinder sollen über Kinder aus anderen Ländern etwas erfahren. Und zwar aus Büchern. Wenn sich die Kinder aus aller Welt kennenlernen, über eine „Kinderbrücke", kann vielleicht Frieden werden...

Friede im Großen - Friede im Kleinen. In der großen Welt kann kein Friede entstehen, wenn es ihn im Kleinen, in der Familie nicht gibt. Ja, so glaubte ich an Illusionen. An die Idee des harmonischen Miteinanders. An die Idee der Versöhnung. An die Idee, dass Kinder ihre zerstrittenen Eltern wieder zusammenführen können. Im „Doppelten Lottchen" kannst du es nachlesen: (...)

In den 60er und 70er Jahren folgte für mich persönlich eine schlimme Zeit. Ich wurde müde. Und krank. Ja, irgendwie resignierte ich. Am 29. Juli 1974 trat ich ab von dieser Welt.

Auszug aus Bertuchs Weltliteratur für junge Leser: Kennst du Erich Kästner? ( Astrid Koopmann und Bernhard Meier) S. 75 ff.